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eCall: Erste Hilfe mit Beigeschmack 01.04.2018

DAS Notrufsystem eCall löst im Ernstfall automatisch eine Rettungskette aus. (Bild: Fotolia)

Seit 31. März müssen alle neu genehmigten Fahrzeuge mit dem automatischen Notrufsystem „eCall” ausgestattet sein. Die Idee des automatisch arbeitenden Rettungsassistenten ist aber nicht ganz unumstritten.


Die ersten Momente nach einem Unfall – Sekunden der Orientierungslosigkeit. Wo bin ich? Bin ich verletzt, und wenn ja, wie schwer? Und vor allem: Wo ist mein Handy, damit ich Hilfe rufen kann? Wichtige Kriterien, die im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden können, und die eCall zu einem großen Teil den Insassen abnehmen soll. Ein System, das im Falle einer Kollision entweder automatisch einen Notruf absetzt, oder aber über einen Knopf auch vom Fahrer oder von Passanten aktiviert werden kann. Der Effekt ist laut EU-Kommission enorm: In urbanem Gebiet soll dadurch die Reaktionszeit der Notdienst um 40 Prozent verkürzt werden, in ländlichen Gebieten sogar um 50 Prozent.


Eine clevere und einfache Idee, und dennoch gilt eCall als mögliche Hintertür in die Fahrzeugelektronik, um unter dem Deckmantel des elektronischen Samariters Daten zu sammeln. Was auch immer stimmen mag. Trotz aller Kritik nimmt das System mit Ende März nun verpflichtend den Dienst in allen neu typengenehmigten Fahrzeugen auf. Doch was ist an diesen Erzählungen nun wirklich wahr, wie kann man sich schützen und wie funktioniert eCall eigentlich überhaupt?
Freie Fahrt hat die wichtigsten Punkte zum Thema automatisches Notrufsystem für Sie zusammengetragen:

Wie funktioniert eCall genau?
Sobald es zu einem Unfall kommt, wählt das System die europaweit gültige Notrufnummer 112 automatisch. Dabei wird mittels GPS ein sogenannter Minimaldatensatz mit den wichtigsten Informationen an die Notrufzentrale über das Handynetz gesendet. Diese enthalten nicht nur Daten über das betroffene Fahrzeug, sondern auch den genauen Standort des verunfallten Fahrzeugs und die Fahrtrichtung, was auf Autobahnen und Schnellstraßen einen großen Zeitvorteil bringen kann. Gleichzeitig wird eine Telefonverbindung über die Freisprecheinrichtung aufgebaut, damit ein Insasse dem Rettungsmitarbeiter wichtige Details mitteilen kann – oder im Fall, dass sich keiner meldet, dieser gleich darüber informiert ist, dass keine Person im Fahrzeug mehr bei Bewusstsein ist.

Gibt es weitere Funktionen?
Ja. Das System kann ebenso über einen Knopf, meist gut erreichbar im Bereich des Rückspiegels positioniert und deutlich erkennbar an der Aufschrift „SOS“, ausgelöst werden. Das ist zum Beispiel dann wichtig, wenn der Aufprall zu schwach für eine automatische Auslösung war, oder zum Beispiel der Fahrer aus anderen Gründen ohnmächtig geworden ist und nicht mehr selber Alarm schlagen kann. Dann können Passanten oder Mitfahrende so schnell Hilfe anfordern. Auch der Umfang der übermittelten Daten kann ein breiteres Spektrum beinhalten. Sensoren liefern genug Daten, um Infos zur Schwere des Unfall anzugeben, oder die Anzahl der angelegten Sicherheitsgurte gibt zum Beispiel Auskünfte über die Anzahl der Insassen und so weiter.

Aus welchen Elementen besteht das System?

Die Basisversion von eCall benötigt kaum zusätzlicher Bauteile. Kernstücke sind ein GSM-Modul inklusive SIM-Karte und eine dazugehörige Antenne zur Anbindung an das Handynetz, Sensoren, die ab einer bestimmten Intensität auslösen und an ein Steuergerät mit GPS-Empfang melden, das den Crash aufzeichnet, die Daten aufbereitet und abschickt. Oftmals ist bei modernen Autos aber alles bereits vorhanden, da es sowohl eine Freisprecheinrichtung als auch ein Navigationssystem gibt. So ist das einzige wirklich neue Bauteil neben der entsprechenden Software eigentlich nur der SOS-Knopf.

Zeichnet eCall dauernd meine Daten auf?
Offiziell heißt es nein. Bei eCall handelt es sich um ein System, das sich erst dann aktiviert, wenn es gebraucht wird, also erst direkt nach dem Unfall. Die empfangenen Daten dürfen auch für keinen anderen Zweck verwendet und müssen kontinuierlich wieder gelöscht werden. Andererseits sind Zweifel natürlich berechtigt, schließlich wären mit dieser Einrichtung bereits alle Bauteile an Bord, um kostenpflichtige Zusatzdienste anbieten zu können, oder aber auch um permanent allerlei Daten zu senden, anhand derer man ein ziemlich lückenloses Bewegungsprofil des Fahrers erstellen kann.

Wäre das nicht illegal?
Nur zum Teil. Lediglich die Basisfunktionen des eCall unterliegen dem Datenschutz. Möglicherweise angebotene und natürlich kostenpflichtige Zusatzdienstleistungen allerdings nicht. Und das ist nur ein Teil des Problems. Schließlich lässt sich nicht kontrollieren, ob über die verbaute SIM-Karte nicht sogar permanent Daten zum Beispiel an den Hersteller gesendet werden. Die aktuelle Technik bietet hier schon beeindruckende Möglichkeiten, da die Elektronik von der Motordrehzahl bis zum Lenkwinkel bereits alles erfasst, was in einem Auto vor sich geht. Und auch der Versichererverband Insurance Europe hat bereits Interesse an den eCall-Daten bekundet, da sich so natürlich sehr einfach sehr exakte Risikoprofile der Versicherten erstellen lassen.

Was könnte man dagegen tun?
Eine Möglichkeit wäre es, das System deaktivierbar zu machen. Und dass der Käufer selbst entscheiden kann, welche Daten an wen übermittelt werden sollen, und welche nicht. Doch derzeitige Systeme haben mit solchen sogenannten offenen Schnittstellen nichts zu tun. Ob wirklich nur die offiziell angegebenen Daten aufgezeichnet werden, kann man nämlich nicht überprüfen.

Kann ich mich beim Kauf des Autos weigern, eCall zu akzeptieren?

Nein, eCall ist ab Ende März verpflichtend und muss in allen Neufahrzeugen eingebaut sein. Die Technik ist also fix installiert, und selbst wenn es die Möglichkeit gäbe, sie zu deaktivieren, würde streng genommen sogar die Betriebserlaubnis erlöschen – man dürfte dieses Auto also nicht mehr auf öffentlichen Straßen bewegen. Es gibt also kein Entkommen, zumal zahlreiche Fahrzeuge bereits seit Jahren optional über ähnliche Einrichtungen verfügen.

Wer zahlt im Falle eines Fehlalarms?

Wenn die Rettungskräfte schon unterwegs sind, natürlich der Zulassungshalter des Fahrzeugs, über das der Alarm ausgelöst worden ist. Aber: Das ist im Prinzip gar nicht möglich. Im Falle einer automatischen Auslösung kann man diesen Punkt sogar beinahe ausschließen: Die dafür zu Rate gezogenen Sensoren lösen wirklich nur bei einem harten Aufprall aus, oder wenn ein Airbag öffnet, sprich: Wenn man auch wirklich Hilfe benötigt. Sollte es hier zu einer Fehlfunktion kommen, bekommt man es aber schon alleine deswegen mit, weil sich die zuständige Dienststelle ja telefonisch meldet und fragt, wie sie helfen kann. Einfach zu sagen, dass hier ein Fehler vorliege und man keine Hilfe brauche, kann die Situation schnell bereinigen. Gleiches gilt, wenn man versehentlich auf den SOS-Knopf drückt. Und nachdem eCall nur bei aufgedrehter Zündung aktiv ist, kann ein Fehlalarm sogar bei geparkten Cabrios mit offenem Verdeck ausgeschlossen werden, bei denen ein Passant spaßhalber im Vorbeigehen die eCall-Taste drückt.

Wohin geht eigentlich der abgesandte Notruf?*
An die jeweilige Notrufstelle. Im Falle von Österreich wird diese vom Innenministerium betrieben. Weiters gibt es in jedem Bundesland sogenannte Notrufabfragestellen (Public Safety Answering Point, kurz PSAP), die die entsprechende EU-Vorschrift von jedem Mitgliedsland verlangt. Von dort aus werden dann die jeweiligen Blaulichtorganisationen, Straßenbetreiber und zum Teil auch die Fahrzeughersteller genau so informiert wie PSAP von angrenzenden Mitgliedsstaaten, falls der Unfall in einer Grenzregion passiert.
Die dort arbeitenden Mitarbeiter sprechen nicht nur Deutsch, sondern auch Englisch. Ähnlich funktioniert es in anderen EU-Ländern, wo neben der Landessprache auch auf Englisch geantwortet werden kann.
Das System, dass jeder Notruf in dem Land behandelt wird, von wo er abgesetzt wird, hat durchaus Sinn: So können am schnellsten die zuständigen Rettungskräfte alarmiert werden, und auch mit den geographischen Umständen (wie gut ist der Unfallort erreichbar?) ist man natürlich auch besser vertraut.

Kann man eCall nachrüsten?
Ja, dafür gibt es verschiedene Lösungen: Die einfachste Variante ist ein Modul zum Anstecken in die 12-Volt-Steckdose in der Mittelkonsole. In diesem Modul eingebaute Beschleunigungssensoren erkennen einen Unfall und die Stärke des Aufpralls. Im Anschluss ergeht automatisch über eine App, die auf dem Smartphone des Fahrers installiert ist, ein Notruf raus. Ein ähnliches System arbeitet mit einem kleinen Steuergerät, das über den Diagnosestecker direkt in das Bordnetz eingeklinkt wird. Die aufwändigste Variante wäre ein Tracker, der zugleich als Diebstahlschutz fungiert, da man die von ihm gesendeten Ortungsdaten auch selbst abrufen kann.

Brauche ich für eCall einen eigenen Mobilfunkvertrag?
Für eCall alleine nicht. In der ganzen EU muss die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stehen und gratis zu benutzen sein – ähnlich wie der Notruf, den man mit jedem Handy auch ohne eingelegte SIM-Karte absetzen kann. Das heißt aber: Aktiviert sich das System außerhalb der EU, kann es zu Kosten kommen, oder das es kommt überhaupt keine Verbindung zustande.

Kann ich bestimmen, welche Daten gesendet werden und welche nicht?

Theoretisch sollte man es bestimmen dürfen, praktisch ist das aber nicht machbar. Wobei man hier genau unterscheiden muss zwischen eCall und sogenannten Concierge-Diensten, für die die Autohersteller zusätzlich Gebühren einfordern. Ersteres ist gesetzlich verpflichtend und somit über jegliche Einwände erhaben. Zweiteres aber rein freiwillig, und gleichzeitig eine zweischneidige Klinge: Natürlich ist es im Sinne des Datenschutzes wichtig, so wenig Informationen wie möglich an Dritte zu übermitteln. Doch andererseits funktionieren diese GPRS-basierenden Funktionen umso besser, je näher der Hersteller über Standort, Vorlieben, aber etwa auch über den Füllstand des Kraftstofftanks informiert ist. Doch dieser Komfortgewinn muss einem das legale Ausspionieren schon Wert sein.



Auto & Daten: Was der ARBÖ fordert
Transparenz, welche Daten gesendet werden, und vor allem: an wen. Schließlich sind vor allem die Hersteller sehr daran interessiert, ein möglichst exaktes Fahrprofil zu erhalten, um die kostenpflichtigen oder anders refinanzierten Zusatzdienste maßzuschneidern - und somit schmackhafter zu machen.
Der Grund: eCall wird zum Teil auch über diese Zusatzdienste finanziert. Diese Forderung nach Transparenz der Datenübermittlung hat einen realen Hintergrund: Die EU hat es den Herstellern nämlich erlaubt, das einfache eCall-System durch eigene leistungsfähigere Systeme zu ersetzen, die bereits über alle Bauteile verfügen, um die sogenannten Concierge-Dienste anbieten zu können. Wenn dies der Fall ist, muss der Kunde darüber informiert werden. Daher ist es auch umso wichtiger, dass die Daten beim Zulassungshalter des Fahrzeugs bleiben müssen.

 

 

*) Das eCall System soll in ganz Europa (das beinhaltet unter anderem auch NICHT-EU Länder wie die Schweiz) für alle Neuwagen, die ab April 2018 vom Band laufen gesetzesmäßig gelten.
Defacto gilt es somit ab sofort. 

Der genaue Text lautet, vereinfacht: "wo immer im europäischen Raum man unterwegs ist, und sich ein GSM-Empfang findet, MUSS eCall möglich sein" - gesprochen wird hier jedoch vom gesetzl. eCall - der entweder an die örtlichen Vertretungen des Innenministeriums oder an örtliche Rettungsunternehmungen direkt weiter geleitet wird. Dies gilt NICHT für den freien Handel. Da Dienste wie z. B. Opel On Star oder ähnliche noch zusätzliche Dienste neben dem gesetzlichen bieten, müssen diese NICHT überall funktionieren. 

Die gesetzliche Regelung gilt somit für Europa (das Festland), inkl. Island - wo es ausreichend GSM-Empfang gibt, bis in den eurasischen Raum. In Russland müssen bereits Neufahrzeuge seit 2015 mit dem ERA Glonass System (der russischen Variante des eCalls) ausgerüstet sein. Die Infrastruktur steht somit dort bereits seit längerem. Da auch die Türkei die Verpflichtung eCall unterschrieben hat gelten somit auch hier die Vorgaben.

(Quelle: BMVIT; ots.at; bzw. heise.de)