News

Oldtimer: Ein Verein schreibt Geschichte 28.09.2018

Das weltweit einzig überlebende Exemplar eines „Ditmar & Urban” auf dem Grazer Hauptplatz. Von links: Otto Killer, Walter Pipek, Peter Böhm und Ferdinand Horva.

Stefan Reitgruber, Obmann des Vereins zur Förderung der historischen Fahrzeuge der österreichischen Automobilfabriken.

Der restaurierte „Kaiserwagen” aus dem Jahre 1914 vor dem Schloss Schönbrunn.

Die „Donnerstags-Runde” bei der Arbeit.

Kaiserwagen und Co. Wie aus einer Idee eine repräsentative Auto-Sammlung wurde.


Vergessen Sie alles, was Sie bisher über Oldtimervereine und Markenklubs gehört haben. Dieser hier ist anders. Schon der Name ist ein Auftrag: „Verein zur Förderung der historischen Fahrzeuge der österreichischen Automobilfabriken.” Heißt im Klartext: Dieser Vereinigung von rund 300 Damen und Herren verdankt die Republik die Erhaltung eines repräsentativen Querschnittes der Prunkstücke des österreichischen Automobilbaues der Vorkriegs-, Zwischenkriegs- und der frühen Nachkriegszeit, untrennbar verbunden mit Namen wie Steyr, Gräf & Stift, ÖAF, Austro-Fiat, Saurer und anderen.

26 großteils wieder fahrbereite Autos gehören dem Klub, anstehende Projekte gibt’s für die nächsten zehn Jahre und in etlichen Museen stehen Leihgaben. Begonnen hat alles kurz vor der Jahrtausendende, als die Geschäftsleitung von MAN all das, was sich aus einem knappen Jahrhundert an Restbeständen der Vorgängerfirmen auf dem Betriebsgelände angesammelt hatte, gerne loswerden wollte. Da formierte sich eine Gruppe von rund 30 Personen, hauptsächlich langjährige Mitarbeiter mit riesigem Fachwissen, unter der Führung von DI. Dr. Gerhard Bruner zur Rettung der alten Kostbarkeiten.

MAN-Hilfe. Das gelang mit Hilfe von MAN, einigen Gönnern und einer äußerst schlauen Konstruktion: Die Autos wurden von MAN ins Eigentum des Vereines übertragen, einzelne Vereinsmitglieder übernahmen persönliche Patenschaften für Unterbringung und Erhaltung fahrbereiter Exemplare. Für Restaurierungen stehen auf dem MAN-Werksgelände in Wien-Liesing immer noch Räumlichkeiten zu Verfügung. Wobei Vereinsobmann Stefan Reitgruber, der seine Berufslaufbahn 1960  bei Gräf & Stift begonnen hat, den Begriff „Restaurierung” so interpretiert: „Von den alten österreichischen Marken ist ja kaum noch was auf dem Markt, man muss auch die letzte Leich’ kaufen, die zu kriegen ist. Da kann es vom Holzaufbau über Motor, Elektrik, Karosserie und Fahrwerk schon ein paar Jahre dauern, bis so was wieder fahrbereit ist.” Einmal wöchentlich trifft sich die „Donnerstag-Runde“ zum fröhlichen Werken, denn nur mit ganz viel Eigenleistung sind solche Projekte zu heben.


Immerhin hat man es sogar geschafft, den alten „Kaiserwagen” in Top-Zustand zu versetzen, einen Gräf & Stift mit 7,5-l-Motor, 1914 gebaut für den Pferdefreund Kaiser Franz Josef, verwendet vom Unglückskaiser Karl, der ihn vor dem Flug zum zweiten vergeblichen Restaurationsversuch auf einem Schweizer Flughafen zurückließ. Erst 1974 gelang es, den Wagen bei Christie’s zu ersteigern und nach Österreich heimzubringen. Damals um etwas über eine Million Schilling, heute wäre das Auto auch um eine Million Euro nicht zu bekommen. (Zu besichtigen in der Wagenburg Schönbrunn).


Im Verein selbst ist aber auch eine eigene „Historikerkommission” tätig, die penibel die Geschichte jedes Fahrzeuges recherchiert, etwa auch die, der 1938 für Kanzler Kurt Schuschnigg gebauten Gräf & Stift Zwölfzylinder-Limousine, die er ja nicht mehr ausprobieren konnte.


Das Meisterstück lieferte  jedoch erst kürzlich der Grazer Baumeister Franz Legenstein als Vereinsmitglied bei der Restaurierung eines bisher völlig unbekannten Wagens namens „Ditmar & Urban” Baujahr 1924. Das Ergebnis: Die Herren Ditmar und Urban waren nach dem ersten Weltkrieg als Offiziere „hack’nstad” und beschlossen Autofabrikanten zu werden. Auf etwa 100m2 in der Grazer Schönaugasse entstanden wahrscheinlich nur zwei Autos, denn 1927 war die Firma schon wieder gelöscht. Ein Exemplar ist in die Mur gestürzt, eines hat der Verein über eine Schenkung erhalten und perfekt restauriert. Drei Jahre und 3000 Arbeitsstunden stecken drin, dafür besitzt der Verein jetzt ein weltweites Unikat und zur Präsentation in Graz  hat man sogar Nachfahren der Herren Ditmar und Urban in Berlin aufgetrieben.