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„Jeden Bereich bespielen” 18.06.2018

Porsche-Austria-„Legende” Hermann Becker über den Marktstart des VW Golf im Schatten des beliebten Käfer.


Seit  1971 war  Hermann  Becker  bei Porsche  Austria  tätig  und  langjähriger  VW-Pressesprecher.  Mittlerweile ist er im Ruhestand. Im Gespräch erinnert er sich an die Herausforderungen,  mit  einem  völlig  neuen  Fahrzeugkonzept   das   damals   meistverkaufte  Auto  Österreichs,  den  VW Käfer, abzulösen.

Freie Fahrt: Wie war die Situation vor dem Start des Golf?

HERMANN BECKER: Wir mussten in diesen  Jahren  alles  daransetzen,  den Käfer  zu  pushen,  um  die  Nummer1-Position am Markt zu halten. Und es gab eine ganze Reihe an Aktivitäten rund um den Käfer. Aber alle vor dem Hintergrund, die Zeit bis zu den neuen Modellen zu überbrücken.

An welche Aktionen können Sie sich speziell erinnern?
Zum Beispiel an die Sache mit dem Sicherheitsgurt. Der war seinerzeit noch nicht vorgeschrieben, also haben wir eine Aktion gestartet: entweder Sicher heitsgurte  oder  500  Schilling  bar  im Handschuhfach. Die Mehrheit hat sich dann  aber  doch  für  die  Gurte  entschieden.

Wie lief die Markteinführung des Golf in Österreich? Gab es besondere Aktionen?

Die wichtigste Aktivität war die mit den  16  Bierkisten:  Die  standen  im Schauraum  übereinandergestapelt hinter  dem  Golf  und  die  Verkäufer mussten den Beweis antreten, dass man die alle in den Golf hineinbringt. Das war ein sehr eindringliches Signal, wie geräumig und variabel der Innenraum des Golf ist. Das hat die Kunden sehr beeindruckt.

Wie kam man auf den Rabbit?
Eigentlich aus einer Notlage heraus. 1978 gab es Lieferprobleme beim beliebten 70-PS-Benziner. Alternative war der  60-PS-Motor,  der  aber  versicherungstechnisch und steuerlich nicht gut passte. Dies führte zum Sondermodell Rabbit, der mit attraktiver Ausstattung über die fehlenden PS hinwegtrösten sollte. Das kam gut an.

Was ist das Geheimnis des Golf-Erfolgs?

Man konnte mit ihm einfach jeden Bereich bespielen: GTI, Cabrio, Diesel, all  diese  zusätzlichen  Möglichkeiten, den Golf zu positionieren. Das wurde auch  beispielhaft  durchgezogen, wobei  der  GTI  natürlich  ein  echter Durchreißer war .Wir haben einen GTI dann auch mit Ledersitzen, Alufelgen und Stereoanlage umbauen lassen, um ein  entsprechendes  Signal  zu  setzen. Aber  offiziell  ist  VW  diesem  Thema erst sehr viel später mit dem Golf IV 1998 nachgegangen, der die Qualität einer höheren Fahrzeugklasse hatte.

Und seine Stärken?
Alles, was die Autowelt zu bieten hat, muss im Golf verfügbar sein. Und neben  Allrad  war  der  größte  Erfolg sicher  das  Thema  Diesel.  Da  waren wir  diejenigen,  die  den  heimischen Markt auf das Thema gebracht haben. Eine ganz entscheidende Markteinführung  gab  es  1999  beim  Rabbit:  Er  bekam als Erster serienmäßig ESP, erst im  Anschluss  alle  anderen  Modelle. Der  Golf  hatte  damals  einen  Marktanteil von zehn Prozent, wir hatten bei solchen Dingen also auch eine Verantwortung. Wir haben es geschafft, ESP in Österreich salonfähig zu machen.