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Radar Love 18.06.2018

Von „Baby You Can Drive My Car” der Beatles bis zu „Maschin” von Bilderbuch: Die Verbindung von Musik und Auto war immer eine intensive, ja annähernd erotische. Das gilt im Streaming-Zeitalter mehr denn je, meint Walter Gröbchen.


Das Auto, so lautet meine Behauptung, ist der Konzertsaal der Moderne. Denn es gibt, so man denn nicht wirklich die Wirkungsstätte des Wiener Musikvereins, das Brucknerhaus in Linz, die Elbphilharmonie in Hamburg oder gar die Metropolitan Opera oder Radio City Music Hall in New York heimsucht, keinen Ort, an dem sich Musik konzentrierter, wirkungsmächtiger und freudvoller genießen ließe als im eigenen Fahrzeug. Probates Audio-Equipment vorausgesetzt und die richtige, sprich entspannte Stimmung – die sich aber auf längeren Strecken fast von allein einstellt.

Droge High End. Freilich werden manche gleich dagegenhalten. Kann man sich nicht auch mit guten Kopfhörern im Zug oder in der U-Bahn ganz selbstverständlich in Klänge von Mozart, Radiohead oder Yung Hurn vertiefen? Man kann. Und was ist mit all jenen HiFi-Spezis, die Tausende Euro in ihr Hobby stecken, um das letzte Mikrogramm Hörgenuss aus der Technik und ihren Tonträgern herauszukitzeln? Nun: Die haben wohl, sofern sie ein Auto besitzen, auch dort eine superbe Anlage installiert. Wer einmal von der Droge High End gekostet hat, wird niemals wieder eine Symphonie oder Rock-Oper aus billigen Plastikbrüllwürfeln hören wollen. Nicht einmal einen kurzen, schnellen, knallharten Punk-Song.

Musik wird mobil. Für letzteres Genre wäre die MusiCassette – kennt die noch jemand? – ideologisch das richtige Format. Dito für Mix-Tapes des Hip-Hop-Nachwuchses. Angeblich ist ja, Hand in Hand mit der Vinyl-Renaissance, analoges Bandmaterial wieder im Kommen. In der Praxis wird man entsprechende Abspielgeräte leider nur mehr in Oldtimer-Garagen vorfinden. Warum ich dann Cassetten – eine Erfindung des niederländischen Konzerns Philips Anfang der Sechzigerjahre des vorigen Jahrtausends – überhaupt erwähne? Weil sie der Ausgangspunkt der Mobilität von Musik waren, sieht man von der fremdbestimmten Tonspur ab, die das Autoradio ertönen ließ. Zwar gab es auch Versuche, (Single-)Plattenspieler in Benzindroschken zu installieren – aber es blieb prinzipbedingt ein hoffnungsloses Unterfangen. Das amerikanische 8-Track-Tape hat sich hierzulande ebenfalls nicht durchgesetzt. Insofern blieb der Kassettenschlitz jahrzehntelang der Hoffnungsort für Klassik-, Pop-, Rock- und Jazzfans, die ihren Vorlieben auf Reisen und im Alltagsverkehr frönen wollten.

Bis Mitte der Achtzigerjahre die Compact Disc Einzug hielt. Ich erinnere mich noch an eine Pressekonferenz von Herbert von Karajan und Akio Morita, dem damaligen Chef des Weltkonzerns Sony, bei der Eröffnung des ersten europäischen CD-Presswerks in Anif bei Salzburg. Alles davor, deklamierte der Dirigent, wäre Gaslicht gewesen. Jetzt ginge die Sonne auf.

Das tat sie auch – für knapp zwei Jahrzehnte. Heute verschwinden die CD-Player wieder aus den Autos. Die digitale Moderne hat Einzug gehalten. Es funkt (via Bluetooth oder gar WLAN), es tönt auf Fingertip (Millionen von Songs via Spotify, Deezer & Co.), es klingt besser denn je.

Sollte irgendjemand jetzt noch dringlich Musikempfehlungen wünschen: die Playlists mit dem Stichwort „Car” oder „Auto” gehen in die Millionen. Es geht freilich nichts darüber, sich ein Wunschkonzert vor Antritt der Fahrt selbst zusammenzustellen.


Zur Person:
Walter Gröbchen,
Jahrgang 1962, war Ö3-Redakteur, bevor er in der Musikindustrie tätig wurde. Heute betreibt er sein eigenes Label (monkey.), schreibt Kolumnen in der „Wiener Zeitung” und gestaltet u. a. Ausstellungen zum Thema Popmusik (zuletzt „Ganz Wien. Eine Poptour” im Wien Museum).