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Die Angst fährt mit

Amaxophobie. Drängler, rücksichtsloser Verkehr, Unsicherheit – fast ein Viertel aller Autolenker hat Angst beim Autofahren. Was man dagegen tun kann.

Früh morgens. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, ringsum dichter Verkehr, Menschen, die in den Tag starten oder von einer arbeitsamen Nacht zurückkehren, ich mittendrin. Kaum bin ich auf der Autobahnauffahrt, klebt mir jemand hinten an der Stoßstange. Sein Tempo wird zu meinem Problem. Ich beschleunige und ertappe mich dabei, genau das zu tun, was Drängeln provozieren soll. Oben auf der Autobahn: dichtes Treiben. Ich scanne den Verkehr so aufmerksam ich kann. Dann zieht vor mir ein Wagen hinaus, zu spät geblinkt, der Rückspiegel voll mit rasantem Verkehr der scharf abbremsen muss. Ich halte reflexartig den Atem an. Nichts passiert. Diesmal.

Je länger ich unterwegs bin und je mehr brenzlige Situationen ich erlebe, desto vorsichtiger und manchmal ängstlicher werde ich am Steuer. Heuer ist die Zahl der Verkehrstoten in Österreich um rund zehn Prozent gestiegen, und viele empfinden den Verkehr als immer aggressiver. Befragungen aus Österreich sowie dem Ausland bestätigen, dass ich mit meiner Ängstlichkeit nicht allein bin. Eine ARBÖ-Umfrage ergab, dass rund 20 Prozent zumindest manchmal oder häufig Angst im Straßenverkehr verspüren. Ein weiteres gutes Drittel erlebt selten, aber doch Unwohlsein. Rund 13 Prozent geben, dass die Angst eher stark oder sehr stark ist. In Deutschland berichtet etwa ein Drittel der Befragten, zumindest gelegentlich Angst am Steuer zu haben. In einer Prävalenzstudie aus Frankreich aus dem Jahr 2023 geben rund 80 Prozent an zumindest ein leichtes Maß an Fahrangst, von gelegentlicher Unsicherheit bis zu stark ausgeprägten Ängsten. Häufige Auslöser über Ländergrenzen hinweg sind Dunkelheit und schlechte Sicht, schlechtes Wetter und das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender.

 

Was ist Amaxophobie?


Wie entsteht Amaxophobie, also die spezifische Angst vor dem Autofahren? ARBÖ-Verkehrspsychologin Mag. Patricia Prunner erklärt, dass Fahrangst meist aus einem Zusammenspiel mehrerer Einflüsse entsteht. Individuellen Erfahrungen, persönlichen Einstellungen und äußeren Einflüssen, aber auch Unfälle können zum Auslöser werden. Erlebnisse von Kontrollverlust, stressige Verkehrssituationen, oder das Beobachten von Unfällen im Freundes- und Familienkreis können ebenfalls eine Rolle spielen. Medienberichte, Dashcam-Videos oder Bilder in sozialen Netzwerken können die eigene Wahrnehmung zusätzlich schärfen, manchmal bis zur Überfokussierung auf Gefahr. Nicht zuletzt erhöhen Stressphasen, Überforderung, Schlafmangel sowie längere Fahrpausen die Wahrscheinlichkeit, dass sich Unsicherheit verfestigt und zur Angst wird. Oft genügt ein einzelnes Schreckmoment. Ein Beinahe-Unfall, ein falscher Griff, eine brenzlige Begegnung. Und plötzlich wird aus Respekt vor der Situation tiefsitzende Angst. Es gibt aber auch Fälle, dass Menschen aufgrund von Aufmerksamkeitsdefiziten (ADHS) schier mit dem Verkehr überfordert sind und aus Scham mehr und mehr Ängste davor entwickeln.

Wichtig ist die Unterscheidung: Ein gewisses Maß an Unsicherheit, insbesondere bei Fahranfängerinnen und Fahranfängern oder bei Menschen, die selten auf der Straße sind, ist normal. Problematisch wird es dort, wo deutliche Angstsymptome auftreten, oder der Alltag stark eingeschränkt wird. Körperlich können sich Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen, Zittern, trockener Mund oder sogar Atemnot zeigen. Oft versuchen Betroffene mehr und mehr bestimmte Strecken oder Fahrsituationen zu meiden oder gänzlich darauf zu verzichten. Kommt es zu Panikattacken im Auto, zu Schlafproblemen vor geplanten Fahrten oder zu ständiger gedanklicher Vorbereitung, ist die Grenze zur behandlungsbedürftigen Angst überschritten.

 

Selbsthilfe


Was hilft im Alltag? Mag. Prunner rät zu niederschwelligen, gut erlernbaren Methoden. Kurze Atemübungen mit verlängertem Ausatmen beruhigen das Nervensystem und holen die Aufmerksamkeit von der Angst zurück in den Moment. Progressive Muskelentspannung hilft körperliche Anspannung zu regulieren. Achtsamkeitsübungen, wie das gezielte Wahrnehmen der Umgebung und Umgebungsgeräusche, verhindern, dass der Blick nur noch auf das innere Kopfkino gerichtet ist. Ein Angsttagebuch ist ein einfacher, aber wirksamer Hebel. Wer dokumentiert, wann, wo und wie stark die Angst auftritt, kann Muster und konkrete Trigger entlarven. Dazu gehört auch, kleine Fortschritte aktiv zu notieren, zum Beispiel eine Nachtfahrt oder ein kurzer Autobahnabschnitt ohne Panik. Wichtig ist, den Druck herauszunehmen. Angst verschwindet selten auf Kommando. Sie verliert Kraft in dem man sich ihr immer wieder stellt.

 

Professionelle Hilfe


Wenn die Angst die Lebensqualität spürbar beeinträchtigt, ist professionelle Unterstützung sinnvoll. Psychologinnen und Psychologen können mit Diagnostik klären, welche Faktoren die Angst auslösen, und individuelle Strategien entwickeln. In der Praxis hat sich die kognitive Verhaltenstherapie besonders bewährt. Sie setzt bei den Gedankenmustern an, die Angst hochschaukeln. In manchen Fällen werden auch Konfrontationsübungen eingesetzt, bei denen Betroffene begleitet und in sicherem Rahmen mit der Angstsituation konfrontiert werden. So wächst das Vertrauen ins eigene Fahrkönnen wieder. Ergänzend kommen Entspannungsverfahren oder Achtsamkeitstrainings zum Einsatz. In seltenen Fällen kann medikamentöse Unterstützung helfen, um überhaupt wieder ins Üben zu kommen. Auch Hypnosepsychotherapie, besonders in Kombination mit traumatherapeutischen Elementen, kann vor allem in der Visualisierung von Fahrten sehr hilfreich sein. Entscheidend ist immer die passende Methode, Tempo und Ziele müssen zur Person und zur Lebenssituation passen.

 

Verkehrspsychologin Mag Patricia Prunner fasst abschließend zusammen:

Fahrangst ist eine ernstzunehmende, aber gut behandelbare Herausforderung. Sie entsteht häufig schleichend, kann viele Ursachen haben und äußert sich durch vielfältige Symptome. Wer rechtzeitig auf Warnsignale achtet, erste Selbsthilfeschritte unternimmt und sich bei Bedarf professionelle Unterstützung holt, hat gute Chancen, die Angst zu überwinden. Offenheit, Verständnis und das Wissen, nicht allein zu sein, sind dabei wichtige Begleiter auf dem Weg zu mehr Sicherheit und Lebensqualität.

Und zum Schluss ein einfacher Appell: mehr Nachsicht, weniger Aggression. Wir wissen nicht, wer vor uns fährt. Vielleicht eine übermüdete Pflegekraft nach dem Nachtdienst, ein Fahranfänger oder vielleicht jemand, der gerade schlechte Nachrichten erhalten hat. Ein bisschen mehr Empathie und Rücksicht auf die Mitmenschen, kann helfen, dass sich alle sicherer fühlen auf der Straße.