Motornews
Der Nervensäger
Leapmotor ist hierzulande mit der Hilfe des Stellantis-Netzwerks ja bereits eine bekannte Größe. Oder anders: Stellantis hat sich mit Hilfe von Leapmotor Elektrokompetenz gesichert, im Gegenzug dazu bekommen die Chinesen Zugang zum europäischen Markt. Der Kompakte B05 ist ein erfrischender Beitrag in der Kompaktklasse, der völlig frei von SUV-Anleihen ist. Die Optik ist unauffällig gefällig, manche sehen an der Front sogar den verblichenen VW Scirocco durchscheinen. Weniger Fantasie braucht es am Heck, um mit dem durchgehenden Leuchtband eine andere deutsche Marke zu erkennen. Die im Pressetext erwähnte Coupé-Linie haben wir zwar nicht gefunden, dafür eine andere chice Rarität: rahmenlose Fensterscheiben. Mit 4,43 m Länge kratzt der B05 bereits an der Mittelklasse, was man auch innen am luftigen Platzangebot merkt. Lediglich der Kofferraum bleibt mit 345 Litern (umgeklappt 1400 l) überschaubar, da wird ein bissl Platz verschenkt.
Den Antrieb übernimmt – unabhängig von der Akkugröße – ein Elektromotor an der Hinterachse mit 218 PS und 240 Nm. Kurios: Die Version mit kleinerem Akku beschleunigt trotz 92 Kilogramm weniger Gewicht langsamer auf Tempo 100 als die größere Batterievariante – 7,5 statt 6,7 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 170 km/h. Wo wir bereits mitten beim Fahren wären: Ja, der B05 macht richtig Laune. Nicht der Punch, der eher verhalten rüberkommt, es ist das Fahrwerk, das an gute Zeiten erinnert. Für einen Chinesen sind Lenkpräzision und Federungskomfort bemerkenswert, der tiefe Schwerpunkt sowie der Heckantrieb tun ihr übriges. Man hat eine richtige Freude beim Kurvensurfen. Kein Wunder, haben sich doch die Konzernfreunde von Fiat und Alfa Romeo den Leapmotor in ihrem Testzentrum in Balocco vorgenommen.
Minus bei Bedienung. Von der Freud zum Leid ist es jedoch nur ein kurzer Sprung. Was die Bedienung angeht, so ist der B05 leider ein typischer Chinese. Innen: Das klassische Einheitscockpit mit zwei unterschiedlich großen Bildschirmen, immerhin mit ordentlichen Materialien verarbeitet, farbmäßig etwas mutlos. Tasten sind fast zur Gänze ausgestorben. Leider ist die Menüführung sehr wirr geraten. Wir sind überzeugt, dass da demnächst ein großes Update eingespielt werden wird. Die Assistenzsysteme glänzen mit erdrückender Bevormundung, dass man sich vor lauter Entmündigung gleich aus dem fahrenden Auto schmeißen möchte. Besonders der Spurhalteassistent ist eine Nervensäge erster Klasse. Kurios: Schickt man sie ins Off, kommen sie ungefragt nach etwa fünf Minuten wieder. Auch hier wird noch eine europataugliche Version nachgereicht – und wir fragen uns: Warum nicht gleich? Sowas vergällt die Freude an einem sonst untadeligen Auto.
Die Lithium-Eisenphosphat-Akkus kommen übrigens von CATL und vertragen eine Ladeleistung von 174 kW. Von 10 auf 80 Prozent geht es dann in rund 24 Minuten. Der Preis? Ab 26.490 Euro für die 56 kWh Batterie, etwas besser ausgestattet – zum Beispiel mit einem Panoramaglasdach – und mit der 67 kWh-Batterie startet der B05 ab 30.490 Euro.