Reisen und Freizeit

Das Meer so nah

Italien. In Friaul-Julisch Venetien warten nicht nur die beliebtesten Seebäder und Adriastädte der Österreicher, die Region begeistert auch mit viel Kultur und einer Lagunenlandschaft zwischen Himmel und Wasser.

Dank des Baus der Südbahnstrecke nach Triest in der Mitte des 19. Jahrhunderts rückte die Adria nahe an Wien heran. Die „österreichische Riviera“ und oberitalienische Städte wie Grado und Triest mauserten sich zu angesagten Reisezielen für die Wiener Gesellschaft. Auch heute ist die Küste von Friaul-Julisch Venetien der nächstgelegene Meereszugang für unser Land. Dank Koralmtunnel ist die Bahnanreise seit Ende 2025 noch kürzer: Im Railjet geht es von Wien nach Triest in nur 6,5 Stunden (ohne Umstieg).

Die Hafenstadt Triest und die beliebten Seebäder zwischen Grado und Lignano Sabbiadoro sind immer einen Besuch wert. Doch abseits dieser Tourismusmagnete locken viele interessante kulturelle sowie maritime Kleinode. Im Hinterland von Grado wartet Aquileia: Vor rund 2000 Jahren befand sich hier einer der bedeutendsten Römerhäfen (über einen Wasserweg mit der Adria verbunden): Aquileia hatte 100.000 Einwohner und war die viertgrößte Stadt des römischen Imperiums. Heute leben 3000 Personen hier und von der einstigen Glanzzeit zeugen nur noch Ausgrabungen und einige wertvolle Fundstücke.

Doch nachdem Kaiser Konstantin 313 per Toleranzedikt die Religionsfreiheit ermöglichte, bekam der niedergekommene Handelsstützpunkt eine zweite Chance: Als „Patriarchat“ wurde Aquileia ein Zentrum des Christentums (ein Patriarchat ist ein Bischofsitz, der von einem Apostel gegründet wurde; hier war es angeblich Markus). Das Herrschaftsgebiet der Patriarchen von Aquileia reichte von Venedig über die Küste Istriens bis Regensburg im Norden.

Im Jahr 314 wurde mit dem Bau der Basilika begonnen, die im Lauf der Zeit mehrmals um-, aus- und wiederaufgebaut wurde. In der Romanik folgte ein freistehender Campanile. Das großartigste Meisterwerk wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwischen all den Schichten der Zeit (wieder) entdeckt: Der 760 Quadratmeter große Mosaikfußboden ist der schönste, größte und am besten erhaltene der westlichen Welt. Gemeinsam mit den farbenfrohen Fresken in der Krypta aus dem 9. Jahrhundert begeistert Aquileia auch hartgesottene Kirchenmuffel.

Ein kleines Stück landeinwärts ist Palmanova nicht minder interessant: Die sternförmige Stadt ist eine von drei in Europa (und einzige erhaltene), die nach einem Generalplan am Reißbrett zu Verteidigungszwecken entstand. Errichtet von den Venezianern im späten 16. Jahrhundert im Stil der Renaissance, wurde die Garnisonsstadt mit neuneckigem Festungswall, sechseckiger Piazza Grande und frühbarocker Kirche 2017 zum UNESCOWelterbe erklärt. Der Kirchenturm ist auffallend niedrig ausgefallen: Er durfte die Festungsmauern nicht überragen, um Palmanova nicht weithin sichtbar zu verraten.

Einzigartiges Lagunensystem. Ein fünf Kilometer langer Damm führt von Aquileia nach Grado. Das beliebte Badestädtchen mit pittoreskem, mittelalterlichem Kern liegt auf einer Landzunge, die die Laguna di Grado einschließt. Diese geht westwärts in die Laguna di Marano über, die bis zum Seebad Lignano Sabbiadoro und zur Tagliamento-Mündung reicht. Dieses einzigartige, 160 km² große Lagunengeflecht aus offenen Wasserflächen, Kanälen, Inseln, Schilf, Dünen, Sandbänken und Flussmündungen lässt sich am besten per Bootstour entdecken.

„Oben ist das Wasser süß, unten salzig. Bodennah tummeln sich Meeresfische und sogar wilde Austern; oben hingegen Forelle und andere Flussfische,“ erklärt Stefano Baldo Tucci das Mündungsgebiet des Fiume Stella. Stefano führt in seinem Boot Touristen durch diese Landschaft zwischen Himmel und Wasser, in der verschiedenste Blau- und Grüntöne ineinander verschmelzen. An manchen Stellen ist das Salz-Süßwasser-Gemisch nur 20, maximal aber 150 Zentimeter tief. Bojen und Wegweiser markieren die schiffbaren Passagen. Vier Schutzgebiete bewahren das Ökosystem mit seinem einzigartigen Artenreichtum. Speziell Ornithologen sind im Paradies: 300 Wasservogelarten (die Hälfte von ganz Europa!) leben hier, so auch der Eisvogel. Der Seeregenpfeifer nistet ebenfalls in der Lagune – eine absolute Rarität.

In der östlichen Lagune von Grado (Palù de Sora genannt) empfängt am Inselchen Barbana die Wallfahrtskirche Santuario Beata Vergine Maria: Sie ist Ziel des berühmten Perdòn, seit dem 13. Jahrhundert eine der wichtigsten Prozessionen von Grado. Traditionsreich sind auch die Casoni: idyllische Fischerhütten aus Holz, behütet von steilen Schilfdächern, errichtet auf winzigen Muschelinseln und Pfählen. Insgesamt bestehen noch rund 50 davon in der ganzen Lagune von Grado und Marano. Bis heute dürfen sie ausschließlich im Besitz von Fischern sein, seit Generationen werden sie nur familienintern weitergegeben. Wir haben Glück: Unser Bootsguide Stefano besitzt gemeinsam mit einem befreundeten Fischer ein Casone und lädt uns darauf ein. Im rustikalen Ambiente zwischen Himmel und Wasser schmeckt das kredenzte Gläschen Vino doppelt gut.